Der Tod muss nicht das Ende sein
Sam Parnia: 'Hallo Leben, ich bin's nochmal' (26.08.2013)

heute.de vom 26. August 2013


Medizin von vorgestern, wenn es um Leben und Tod geht? Das ist so, behauptet der Arzt Sam Parnia. Doch sein Kölner Kollege Bernd Böttiger glaubt an Deutschlands Notfallmedizin. Im ZDF-Interview erklärt er, warum die Überlebenschancen beim plötzlichen Herztod heute größer sind als vor zehn Jahren.

heute.de: Der US-amerikanische Notfallmediziner Sam Parnia sieht die praktizierte Notfallmedizin und Wiederbelebung auf dem Stand des letzten Jahrhunderts. Wie ist das bei uns in Deutschland?

Bernd Böttiger ist Professor für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln. Er ist in seinem Fachgebiet Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien, Arbeitskreisen, Fachgesellschaften und Organisationen.

Bernd Böttiger: Ich glaube, wir haben in Deutschland eine ganz hervorragende Notfallmedizin. Das fängt in der prähospitalen Situation an, bei den Notärzten. Und in den deutschen Kliniken sind die neuesten Erkenntnisse aus meiner Sicht heutzutage fast flächendeckend umgesetzt.

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heute.de: In seinem Buch "Der Tod muss nicht das Ende sein" kritisiert Parnia, dass die Herzdruckmassage zu schnell aufgegeben wird: 20 Minuten nach Herzstillstand, es sollten aber mindestens 40 Minuten sein.

"DER TOD MUSS NICHT DAS ENDE SEIN"

Das Buch von Sam Parnia sorgte in den USA für Aufsehen. Der New Yorker Arzt kritisiert darin, dass viele Menschen, die schon für eine Organentnahme vorgesehen sind, noch ins Leben zurückgeholt werden könnten. Viele Betroffene wären demnach noch zu retten, wenn die Ärzte das verfügbare Wissen über die Therapie des Herzstillstands nur besser anwenden würden.

Böttiger: Früher ist es tatsächlich so gewesen, dass viele Kollegen mit der Herzdruckmassage nach 15, 20 oder 25 Minuten zu Ende waren. Wir empfehlen heute kein genaues Zeitfenster mehr, sondern wir sagen: Es muss solange wiederbelebt werden, wie eine Aussicht auf Erfolg besteht. Ich selbst kenne Patienten, die mehr als zwei Stunden durch Herzdruckmassagen wiederbelebt worden sind und ein gutes Überleben hatten.

heute.de: Parnia glaubt, dass Menschen in Zukunft zwölf, vielleicht sogar 24 Stunden nach ihrem Tod reanimiert werden könnten. Ist das seriös?

Böttiger: Also eines muss man mal ganz klar sagen: Es ist nicht möglich - und es wird auch in Zukunft aus meiner Sicht nicht möglich sein - dass ein Patient nach mehr als 15 Minuten erfolgreich wiederbelebt werden kann. Das geht nur im Einzelfall, wenn Kühlung das Gehirn und die Organe schützt.

heute.de: Manchmal berichten reanimierte Patienten von Nahtoderlebnissen — trotz Herzstillstand und Bewusstlosigkeit. Wie erklären Sie sich das?

Böttiger: Wenn das Herz nicht mehr schlägt, fließt kein Blut ins Gehirn. Wenn kein Blut ins Gehirn fließt, dann funktioniert es nach wenigen Sekunden nicht mehr. Wenn Sie nun besonders gut wiederbeleben, kann es im Einzelfall auch sein, dass das Gehirn wieder funktioniert. Ich habe schon erlebt, dass ein Mensch während einer guten Reanimation aufwacht, die Augen aufmacht und sich wundert, was da mit ihm passiert. Ich erinnere mich an eine junge Patientin, wo wir nach fast einer Stunde bis dahin erfolgloser Reanimation überlegten, ob es sinnvoll ist, weiterzumachen. Wir haben uns dann dafür entschieden. Und diese Patientin hat danach erzählt, dass Sie sich dunkel daran erinnern konnte, wie die Ärzte darüber gesprochen haben, wie es jetzt wohl am besten weitergeht.

Das Interview führte Gregor Burkhardt.

Quelle: www.heute.de Klicken Sie hier, um das ganze Interview zu lesen